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Kolumne: «Über das Plakatieren»

Plakatieren in Edinbourgh

© Text und Foto: Andreas Zimmermann

Gedanken eines Vortragsreferenten

Falls Sie sich zur Personengruppe zählen, welche ab und zu eine Dia-Reiseshow besucht, so haben Sie bestimmt schon die Bekanntschaft mit den "Homo Imaginarius Oratio" gemacht, den sogenannten Vortragsreferenten. Es handelt sich hierbei um eine ganz aussergewöhnliche Spezies. Ausnahmslos sind sie alles Universalgenies, vereinen sie doch den perfekten Abenteurer, Fotografen, Programmierer, Werbetechniker, Musiker und Showmaster in Personalunion. Ich selber darf mich auch zu dieser besonderen Gattung Mensch zählen.

Ob all der hochqualifizierten Arbeiten, welche wir verrichten, kommt immer wieder der Wunsch nach Ausgleich, nach einer Tätigkeit auf, bei der wir unsere Köpfe wieder freikriegen und uns mehr als wohlverdient voll entspannen können. Zum Glück hat es die Natur so eingerichtet, dass das Plakat nach wie vor das wichtigste Werbemittel für uns Vortragsreferenten ist.

Wir freuen uns also immer wieder riesig auf die neue Saison, denn ab Ende September ist Plakatieren angesagt! Eine Tätigkeit mit geradezu meditativem Charakter. Jetzt verlassen alle "Homo Imaginarius Oratio" ihre Höhlen, fallen wie Heuschrecken übers Land her und beginnen Dörfer und Städte mit ihren Plakaten zu verschönern. Mit grosser Liebe zum Detail werden Baustellenwände, Hausfassaden, Mauern, Gartenzäune und Kandelaber mit Drucksachen beklebt. Und so manch alter Schuppen hat seine Standfestigkeit dicken Plakatschichten zu verdanken.

Die Arbeit ist ideal! Sind wir sonst in allen Weltgegenden auf Achse, so lernen wir jetzt das eigene Land kennen. Wir sind an der frischen Luft unterwegs und jedermann beneidet uns wegen unserer gesunden Gesichtsfarbe. Es ist ein unglaublich erhabenes Gefühl, etwas für die Verschönerung unserer Gemeinden beitragen zu können und die Menschheit mit unseren fabenprächtigen Plakaten zu erfreuen. Dass unser schöner brauner Teint abends unter der Dusche wieder verschwindet, weiss zum Glück niemand. Die dunkle Sosse ist nichts anderes als der Staub und Russ unserer smoggeschwängerten Städte.

Neben dem flächendeckenden Bekleben der Aussenbereiche verteilen wir unsere Plakate auch in Geschäften. Dies ist zwar in den Grossstädten ein hoffnungsloses Unterfangen, funktioniert in kleineren Orten aber perfekt.

Lassen Sie mich ein wenig in meinen reichlichen Erinnerungen und Erfahrungen kramen:

Mit dem Verteilen der Plakate lerne ich immer wieder neue Welten kennen. Ich betrete Ladenlokale, in welche ich unter normalen Umständen nie einen Fuss setzen würde. Insbesondere bei Strickwarengeschäften habe ich gelernt, vorab mit einem Blick durchs Schaufenster zu klären, ob Kundschaft im Laden ist. Diskutieren Frauen nämlich über Maschen und Reissverschlüsse, ist es für sie die leichteste Übung einen Mann völlig zu ignorieren. Oft reicht es da nicht einmal zu einem "Grüezi" oder "Guten Tag". Da hilft auch kein Herumstammeln wie "Ich hätte gerne ..." - "Vielleicht sollte ich später ..." Umdrehen und gehen!

In Blumenboutiquen und Frisiersalons lassen sich meine Plakate besonders gut platzieren. Haben die Angestellten dort einfach nur Erbarmen mit mir? Durch die hohe Luftfeuchtigkeit in den Räumen beschlägt nämlich meine Brille in Sekundenbruchteilen, so dass ich in völlig erblindetem Zustand umherirre und versuche mich nach dem Gehör zu orientieren. Und einen blinden Fotografen muss man doch unbedingt unterstützen.

Am liebsten sind mir aber die Geschäfte, die es heute eigentlich nicht mehr gibt. Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit oder an die Erzählungen Ihrer Grosseltern? An den kleinen Laden um die Ecke, wo alles erhältlich war? Bis an die Decke reichten die Regale, waren voll gestopft mit allem was man zum Leben brauchte. Dutzende von Schubladen regten unsere Fantasie an. Was da wohl alles drin sein mochte? Und nach dem Einkauf gab es für uns Kinder noch eine kleine Süssigkeit. Ach ja - der Tante-Emma-Laden - die gute alte Zeit ...

"Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?", fragt eine Stimme und reisst mich aus meinen Träumen. Ich habe nicht bemerkt, dass sich aus dem schummrigen Hintergrund eine Person gelöst hat. Die Frau, so schätze ich, ist um die 90 Jahre alt und strahlt mütterliche Wärme aus. Selbstverständlich hängt sie mein Plakat auf! Sie hat noch nie etwas von den durchgestylten, geradezu klinisch reinen Ladenkonzepten gehört, die uns Plakatierern das Leben so erschweren. Fensterfronten bis aufs Niveau des Gehsteiges hinuntergezogen sollen einen ungehinderten Blick ins helle, geräumige Innere des Verkaufsraumes zulassen und so den Gewinn maximieren helfen. Da ist kein Platz für ein Plakat!

Zum Glück kenne ich noch ein paar wenige Tante-Emma-Läden. Sie sind Balsam für die Seele. Werden sie im nächsten Jahr immer noch sein?

Besonders gerne denke ich an die letzte Plakatiersaison zurück, habe ich mir doch kein einziges Mal die Finger abgefroren. Ein wunderbarer Winter! Dank meinem Kickboard (altmodisch: Tretroller) bin ich in der Lage, in viel kürzerer Zeit noch mehr Menschen mit meinen Plakaten zu beglücken. Alles scheint perfekt - bis zu diesem Moment: "Was machen Sie da?", fragt eine eisige Stimme. Eigentlich müsste mir jetzt das Blut in den Adern gefrieren. Aber ich bin schon zu lange im Geschäft, um nicht zu wissen, was das zu bedeuten hat. "Einen Meter weg von der Wand! Beine auseinander! Gegen die Wand fallen lassen! Keine dumme Bewegung!", herrscht mich die Stimme an. Trotzdem wage ich einen Blick hinter mich. Da steht ein Prachtstück von "Kleiderschrank", ausgestattet mit dem vollen Arsenal an Reizwäsche, welches die Polizei zur Verfügung stellt.

Ja, liebe Leser, was wir Referenten in der löblichen Absicht tun - die Welt zu verschönern - ist Illegal! Gehört ins Kapitel "Vandalismus" und hat bei Erwischtwerden kostenpflichtige Konsequenzen zur Folge. Dabei fallen mir die hilfsbereiten Bürger ein, die mir bei windigem Wetter das Plakat festhalten, damit ich es sauber ankleben kann. Sie wissen nicht um die Gefahr, sind sich nicht bewusst, an welch zutiefst kriminellem Akt sie teilhaben.

"Wissen Sie nicht, dass das verboten ist?", fragt mich der Polizist. "Nein, ich mache das zum ersten Mal", antworte ich. "In der Stadt hängen doch überall Plakate. Ich habe meines auch ganz sauber aufgeklebt, damit es hübsch ausschaut. So hat jeder eine Freude. Auch Sie und Ihre Kollegen." Das Gesicht meines "Freund und Helfers" verdunkelt sich: "Das gibt eine Anzeige. Kommen Sie mit auf den Posten, wir müssen ein Protokoll aufnehmen!" Diesmal habe ich mein Glück zu sehr herausgefordert. Typisch "Deformation Professionelle". Wer auf seinen abenteuerlichen Reisen immer wieder ums Überleben kämpft, sich vor wilden Tieren in Acht nehmen muss und ein ums andere Mal jede gefährliche Herausforderung annimmt, braucht auch zu Hause den Adrenalinkick. Aber es war wohl nicht meine beste Idee, die Fassade des Polizeihauptquartiers zu verschönern ... oder mit anderen Worten ausgedrückt: Das war dümmer als die Polizei erlaubt.