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Kolumne: «Schweigende Norweger»

Einsamer Fjord

© Text und Fotos: Andreas Zimmermann

Im Rahmen meiner Arbeit an der Multivisionsshow «Norwegen» war ich insgesamt fünf Monate im hohen Norden unterwegs um das nötige Bild- und Videomaterial zu sammeln. In dieser Zeit habe ich dieses Land und seine Einwohner in mein Herz geschlossen. Auf meiner ersten Reise erlebte ich den wohl nässesten Sommer aller Zeiten: Neun trockene Tage in neun Wochen. Dies hält eigentlich kein normaler Mensch aus, ausser man fühlt eine gewisse Seelenverwandtschaft mit diesen Nordländern. Schlechtes Wetter gibt es nicht, nur schlechte Ausrüstung! Das scheint das Motto der Norweger zu sein. Bei den unmöglichsten Witterungsbedingungen habe ich sie draussen angetroffen. Eine Tour im Kopf, wird diese auch durchgezogen. Man kämpft sich durch und leidet still vor sich hin. Die "Heldentaten" werden nicht an die grosse Glocke gehängt. Die Norweger sind bescheiden und still. Diese Schweigsamkeit ist mir besonders aufgefallen, nicht unbedingt in den städtischen Ballungsgebieten, dafür um so mehr auf dem Land. Das Schweigen scheint die Grosse Stärke der Norweger zu sein.

Eine unterhaltsame Reise nach Norwegen: Gebrauchsanweisung für Norwegen

Episode 1: Auf dem Hurtigrutenschiff

Ich bin unterwegs mit der MS Nordkapp. Gestartet in Kirkenes an der russischen Grenze geht die Fahrt bis hinunter nach Bergen. Man nennt dies auch die schönste Seereise der Welt.

Hafeneinfahrt in Svolvaer mit der MS TrollfjordHafeneinfahrt in Svolvaer (MS Trollfjord)

Ich sitze in der Cafeteria. Am Fenster hat sich ein älteres Ehepaar niedergelassen. Sie trinken Kaffee. Das ist weiter noch nichts ungewöhliches, denn die Norweger sind Weltmeister im Kaffee trinken. Auf dem Schiff kann man sich gegen einen Pauschalbetrag eine spezielle Kaffeetasse, einen sogenannten Mug, erstehen, welcher zu unbeschränktem wieder Auffüllen berechtigt. Eine gute Sache, welche auch ich ausgiebig nutze. Die zwei sitzen also am Fenster und schauen raus, geniessen die eindrückliche Landschaft, welche draussen vorbeizieht und sie schweigen. Plötzlich hebt er den Arm zeigt auf irgendwas, sie schaut, nickt und schweigt. Sie sitzen also da, betrachten die Landschaft und schweigen. Plötzlich hebt sie den Arm, zeigt auf irgendwas, er schaut, nickt und schweigt. So geht das über Stunden, ich habe sie nie ein Wort sprechen hören, aber stumm waren sie garantiert nicht.
In der Mitte der Cafeteria schweigt sich ein jüngeres Paar an. Das Schweigen ist also ein generationenübergreifendes Phänomen. Er trinkt Kaffee und starrt in die Leere, während sie einen Kaugummi kaut. Kennen Sie diese Latexbänder, welche man zum Kraftraining benutzt? Wie ein solches Latexband benutzt die junge Frau ihren Kaugummi. Sie hält ihn zwischen den Zähnen fest, packt ihn mit den Fingern beider Hände und zieht ihn von sich weg, führt ihn zurück zum Mund und wiederholt dies einige Male bis wohl die Elastizität nachlässt und eine neue Runde kauen angesagt ist. Ist sie wohl am Trainieren ihrer Trizepsmuskulatur? Es sieht nicht gerade appetitlich aus, scheint aber effizient zu sein.

Episode 2: Campingplatz in Bodø

Ich bin schon einige Wochen unterwegs und erwarte nun die Ankunft meiner Lebenspartnerin in Bodø. Der Campingplatz liegt ganz in der Nähe des Flugplatzes, so dass ich beschliesse vorab schon eine Unterkunft zu organisieren.

Die meisten Campingplätze verfügen über kleine, einfache, spartanisch eingerichtete Hütten (genannt hytter), welche man sehr preisgünstig mieten kann. Besonders bei schlechtem Wetter schätze ich diese Möglichkeit. Die Hütten verfügen meist über zwei Kajütenbetten, einen Tisch mit vier Stühlen, ein Rechaud mit zwei Herdplatten, sowie einen Kühlschrank. Schlafsack und Kochgeschirr nimmt man selber mit. Die Hütten verfügen über keine sanitären Einrichtungen.Man benützt diese des Campingplatzes.

Ich betrete das Büro. Der Campingwart sitzt hinter seinem Computer und spielt Solitär. Ich grüsse ihn, er nickt nur kurz. Ich frage: "Haben Sie eine freie Hütte zum Mieten?" Er sagt: "Ja". Welch ein Wortschwall! "Könnte ich mir so eine Hütte einmal ansehen?" frage ich. Er dreht sich wortlos um und drückt mir einen Schlüssel in die Hand. "Wo ist denn die Hütte?" frage ich. Er bleibt schweigsam, zeigt aber mit dem Finger auf einen Punkt auf der Karte, welche auf dem Tresen liegt. Die Hütte entspricht meinen Vorstellungen so dass ich sie gleich für drei Tage mieten möchte. Das ganze Anmeldungsprozedere erfolgt dann wiederum wortlos. Erst die Frage nach der Waschküche und wie das dort funktioniert geht nicht mehr ohne Worte. Es ist aber fast physisch greifbar wie unangenehm es ihm ist, irgend etwas sagen zu müssen.

Episode 3: Tromsø

Tromsø ist besonders bekannt für seine Eismeerkathedrale. Ganz in der Nähe dieser Kathedrale liegt die Talstation der Seilbahn, welche auf den Hausberg von Tromsø, den Storsteinen führt.

Eismeerkathedrale in TromsøEismeerkathedrale in Tromsø

Es ist der zweitletzte Tag der Sommersaison bevor die Bahn für Revisionsarbeiten schliesst. Normalerweise bin ich ja zu Fuss unterwegs, denn so eröffnen sich immer wieder Möglichkeiten zum Fotografieren. Das Wetter heute ist aber sehr unbeständig und ich will unbedingt das gute Licht ausnützen, welches im Moment noch herrscht. Das Kassenhäuschen der Seilbahn ist ein kleiner Anbau ausserhalb der eigentlichen Station. Es ist aber nicht besetzt. Ein Blick durchs Fenster der Station zeigt, dass dort zwei Männer sitzen, Zeitung lesen und Kaffee trinken. "Gehen wir doch einfach rein", sage ich zu Ursula, meiner Freundin. Gesagt, getan. Wie von einer Tarantel gestochen springt einer der Männer auf und weist uns mit einer schroffen Handbewegung aber wortlos nach draussen. Wie konnten wir es nur wagen ohne Ticket diesen Raum zu betreten. Nach weiteren fünf Minuten des wartens ist er fertig mit seinem Kaffee und begibt sich ins Kassenhäuschen. Ich trage ein Empfehlungsschreiben des norwegischen Tourismusbüros mit mir, welches die lokalen Dienstleister bittet, mich wenn möglich zu unterstützen. Diesen Brief gebe ich ihm zu lesen. Er studiert ihn sehr genau, überlegt dann einen Moment und sagt: "Es ist Ende Saison, da gebe ich prinzipiell niemandem mehr irgendwelche Vergünstigungen, wir müssen eh nur noch wegen euch fahren". Ich schlucke zweimal leer und bezahle halt unseren Obulus, wir wollen ja so schnell wie möglich auf diesen Berg rauf. Mit den Tickets in der Hand dürfen nun die Eingangshalle betreten. Ursula und ich schauen uns wortlos an und dann gibt es kein Halten mehr. Wir krümmen uns vor Lachen bis das Zwerchfell schmerzt. Das war jetzt ziemlich schräg!
Der Rest unserer Reise verläuft seitens der Seilbahnangestellten wiederum wortlos, nur mittels Hand- und Kopfzeichen.

Auf dem StorsteinenStorsteinen

Warum schweigen die Norweger? - Erklärungsversuche

Ja, wir lieben dieses Land,
wie es aufsteigt,
zerfurcht und wettergegerbt aus dem Wasser,
mit den tausend Heimen.
Lieben, lieben es und denken
An unseren Vater und Mutter
Und die Saganacht, die hinsenkt
Träume auf unsere Erde.

Deutsche Übersetzung der norwegischen Nationalhymne (1. Strophe) aus dem Jahre 1870

Liegt die Antwort vielleicht schon in der Nationalhymne von 1870 verborgen? Damals gab es noch nicht Mal die Hurtigrute. Diese verkehrte erst ab 1893 zwischen Trondheim und Hammerfest und wurde 1908 bis nach Kirkenes erweitert. Die Hurtigrute erhielt auch den Namen "Reichsstrasse Nr. 1". Es war also die Strasse bevor es Strassen gab. In diesem wilden, riesigen, vom Wetter gegerbten Land lagen also die tausend Heime der Küste entlang verstreut. Kleine Fischerdörfer und einzelne Höfe rangen der Natur eine bescheidene Existenz ab. Norwegen war damals das Armenhaus Europas. Seit Generationen war die Arbeit dieselbe, die Handgriffe eingeübt. Da brauchte es nicht viele Worte. Die Höfe lagen weit auseinander. Auf jedem lebte ein "Eremit" mit seiner Frau und den Kindern. Am Sonntag trafen sich vieleicht ein paar Familien in der Kirche. Da hatte man sich aber auch nichts zu sagen, denn da sprach ja der Pfarrer. Danach ging es wieder zurück an die Arbeit. Dieses Eremitendasein hat sich tief in die norwegische Seele eingegraben. Wenn man einen Norweger fragt, woher er komme, so sagt er vielleicht: "Ich komme aus xy, lebe aber in Oslo". xy ist dabei der Ort, wo seine Familie über Generationen als "Eremiten" gelebt hat. Daher kommt wohl auch die Sehnsucht der meisten Norweger nach einer bescheidenen Wochenend-Hütte irgendwo im Wald, möglichst abgelegen und ohne Blickkontakt zu irgend einem Nachbarn.

RörosUNESCO Weltkulturerbe Røros

Ich war einmal mit einer Gruppe Journalisten in Røros unterwegs. Røros ist ein UNESCO Weltkulturerbe und Norwegens einzige Bergbaustadt. Linda, die Tourismus-Fachfrau führte uns herum, erzählte viel Interessantes und hat eine ganz eigene Erklärung für die Sehnsucht nach der einsamen Hütte. Sie erklärte: "Immer am Wochenende fliehen die Männer vor ihren Frauen, denn diese reden zu viel. In der Hütte haben die Männer ihre Ruhe und können schweigen".

Und was ist das Fazit von der Geschicht? Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Die Norweger sind einfach goldig!