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Kolumne: «Im Ballon über die Alpen»

Startvorbereitung

© Text und Fotos: Andreas Zimmermann

Buchtipp: Heißluftballons: Die Geschichte der Ballonfahrt von den Anfängen bis zur Gegenwart

Vorgeschichte

Diese Situation haben wohl schon alle einmal erlebt: Ein runder Geburtstag steht an. Bei mir nahte der Tag, an welchem eine Fünf vor die Null zu stehen kommt. Das neue Jahr war noch recht jung, da wurde ich von allen Seiten her bedrängt: "Geniesse die Vier noch, bald hast du eine Fünf am Rücken" oder "Bald gehörst du zu den UHU's (unter Hundert)." oder "Willkommen im Club der alten Säcke.", gerade so, als wäre das Leben danach ein total anderes. Dabei gehört man zum Beispiel im Sport doch bereits mit dreissig zu den Senioren. Ich habe aber absolut kein Problem mit Zahlen oder Jahren. All diese Sprüche sagen viel über die Anderen aus und nichts über mich selbst. Vielleicht ging es auch nur darum, mich zum Organisieren eines der Zahl Fünf angemessenen Festes zu bewegen. Mit dem Organisieren des Festes war es aber nicht getan, denn bald tauchte die unvermeidliche Frage auf: "Was wünscht du dir zum Geburtstag?" Ja, was wünscht man sich, wenn man eigentlich alles hat? Das wichtigste, Gesundheit, kann man sich nicht wünschen, die hat man zum grössten Teil selber in der Hand. Aber eine Reise vielleicht? Ich habe den Yukon mit dem Kanu in seiner gesamten Länge befahren, bin 3500 Kilometer auf dem Appalachian Trail gewandert und auf dem Jakobsweg bis nach Santiago de Compostela gepilgert. Das kann man nicht toppen. Was also soll ich mir wünschen?

Mein Blick schweift aus dem Fenster Richtung Alpen. Es herrscht Föhnlage, so dass die Berge zum Greifen nah erscheinen. Vor dieser Kulisse schwebt ein Heissluftballon und ich denke an das Lied von Reinhard Mey mit dem Titel "Über den Wolken". Ja, über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Also sage ich: "Eine Ballonfahrt wäre doch was." Von diesem Moment an werde ich von niemandem mehr nach meinen Wünschen gefragt, was doch sehr verdächtig ist oder?

Die Vorbereitung zur Ballonfahrt

Es kam ein schöner Batzen zusammen und ich durfte mich nun ernsthaft mit dem Gedanken befassen eine Ballonfahrt zu unternehmen. Eigentlich schwebte mir so etwas vor wie die Reise um die Erde in 80 Tagen von Jules Verne. Ich habe dann tatsächlich diesen alten Schmöker zu Hand genommen und gelesen. Zu meiner Enttäuschung wurde bei dieser Reise aber kein einziges Mal ein Ballon als Fortbewegungsmittel benutzt. Fünf Wochen im Ballon, ebenfalls von Jules Verne wäre wohl die treffendere Wahl gewesen.
Google fand kein Angebot um in 80 Tagen die Welt zu umrunden. Dies hätte wohl auch mein Budget überstrapaziert. Ich fand aber heraus, dass wohl das Meisterstück in Sachen Ballonfahrt eine Überquerung der Alpen ist. Wenn schon dann schon denke ich, für mich kommt nur das volle Programm in Frage. Ich stosse auf die Webseite von Stefan Zeberli, dem zweifachen Europameister im Ballonfahren. Er ist einer der wenigen, welche Alpenüberquerungen anbieten. Ich erkundige mich per eMail, erhalte umgehend und professionel die gewünschten Antworten. Daraufhin melde ich mich für eine Alpenüberquerung an und werde auf die Warteliste gesetzt. Nur an wenigen Tagen nämlich, im Winterhalbjahr, herschen die nötigen Wetterbedingungen, welche eine Fahrt über die Alpen zulassen. Nun heisst es warten.
Meine Lebenspartnerin Ursula brächte man mit keinen zehn Pferden dazu in einen Ballonkorb zu steigen, geschweige denn noch damit abzuheben. Sie hat wohl über mich gedacht: "Jetzt ist er Fünfzig, immer noch nicht Erwachsen und kein bisschen vernünftig. Warum kann er nicht einen ganz normalen Ballonflug buchen und Mal schauen ob es ihm gefällt? Aber nichts da, gleich über die Alpen muss es sein." Irgend wann liess ihr das Ganze keine Ruhe mehr und sie hat Stefan Zeberli angerufen um sich zu erkundigen wie so eine Alpenüberquerung ablaufen wird. Das Gespräch dauerte wohl gut eine Stunde. Danach war sie erleichtert, begeistert und wäre am liebsten sofort mit dem nächstbesten Ballon abgehoben. Hoppla dachte ich, der Stefan Zeberli muss wirklich gut sein.

Die Alpenüberquerung vom 30. Dezember 2013

Gegen Ende Dezember schien sich ein Wetterfenster zu öffnen, welches eine Fahrt ermöglichen sollte. Stefan Zeberli hat mich also kontaktiert, mich mit allen nötigen Informationen ausgestattet und mir gesagt, ich solle mich bereit halten. Der erste Termin musste jedoch wegen Änderung der Wetterdaten abgesagt werden. Ein paar Tage später am 30. Dezember hat es aber geklappt.

Morgens um 7.00 Uhr auf einem Parkplatz in Oberbüren ist unser Treffpunkt. Oberbüren liegt nun nicht gleich bei mir um die Ecke sondern in der Ostschweiz zwischen Wil und Gossau. Das bedeutet um vier Uhr aufstehen und dann fast zwei Stunden Autofahrt. Als derjenige mit der längsten Anreise bin ich selbsverständlich der Erste vor Ort, Stefan welcher gleich um die Ecke wohnt trifft als Letzter ein, aber alle sind pünktlich. Wir werden mit zwei Ballons unterwegs sein. Stefan fährt mit dem "Ostwind" und vier Passagieren während seine Schwester Lea den "Fol Epi" mit drei Passagieren pilotieren wird. Ich bin dem "Fol Epi" zugeteilt, was ich sehr passend finde, hatte ich doch auf dem Appalachian Trail den Trailnamen "Swisscheese" angenommen. Heute wird also ein Schweizer Käse mit einem Französischen Frommage über die Alpen ins Land des Parmigiano fahren. Zuerst wird aber Gepäck und Passagiere auf die zwei Fahrzeuge verteilt und wir fahren ins Toggenburg zu unserem Startplatz in Nesslau, welches zwischen Wattwil und Wildhaus am Fuss der Churfirsten liegt. Im Restaurant Ochsen in Nesslau machen wir einen letzten Toilettenstopp und trinken noch eine Ovomaltine. Alle denken: Nur keinen Kaffee trinken, der treibt. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie sich das Erledigen der Notdurft in über 5000 Metern Höhe in einem engen Korb gestalten würde. Wer viel auf Reisen ist kennt sicher selbst genug Geschichten über entsprechende körperliche Unpässlichkeiten und Probleme. Wenn nicht, so kann man einiges im kleinen Büchlein How to shit in the woods nachlesen.
In der Wärme des Restaurants ziehen wir noch all unsere warmen Sachen an, bevor wir uns auf den Startplatz begeben und die Ballone für den Start vorbereiten. Es ist eindrücklich zu sehen, was es für eine Alpenüberquerung alles an Vorbereitung, Material, Organisation und Personal braucht.

StarvorbereitungDie Ballonhülle wiegt 160 kg

Um 9.55 Uhr sind beide Ballons starklar und wir können aufsteigen. Wir wünschen uns allen noch "Gut Land", das ist der Ballonfahrergruss. Der Start ist ja in der Regel unproblematisch, aber wie kommt man wieder heil runter? In den unteren Luftschichten weht der Wind noch Richtung Norden, so dass wir uns erst einmal von den Alpen weg bewegen. So steigen wir rasch weiter auf bis der Wind die gewünschte Richtung aufweist. Wir fahren jetzt über die Churfirsten, welche auf der hintern Seite steil zum Walensee hin abfallen.

Churfisten und WalenseeChurfirsten und Walensee

Chäserrugg, Hinterrugg, Scheibenstoll, Zustoll, Brisi, Frümsel und Selun heissen die sieben Gipfel der Churfirsten. Als Kind konnte ich die Namen vorwärts und rückwärts auswendig aufsagen, da wir mit den Eltern einige Male in Wildhaus in den Ferien waren. Besonders der Chäserrugg bleibt mir in lebendiger Erinnerung, mussten wir doch dort hinauf wandern, obwohl doch eine Seilbahn vorhanden war.
Bald liegen die mir bekannten Gefielde hinter mir und die Orientierung wird immer schwieriger. Wir bewegen uns unterdessen auf rund 5600 Meter Höhe bei minus 25° Celsius. Um uns herum nicht als Berge, grenzenlos. Auf Karten sind überall Grenzen eingezeichnet. Hier oben existieren sie nicht. Die Welt ist grenzenlos, das Universum ist grenzenlos. Grenzen existieren nicht. Grenzen sind nichts als eine Idee des Menschen. Zum Glück ist noch niemand auf die Idee gekommen jemanden mit einem fünf Meter breiten Pinsel und roter Farbe loszuschicken um am Erdboden die Grenzen einzuzeichenen.

Matterhorn und Mont BlancMatterhorn und Mont Blanc

Die Aussicht ist überwältigend. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Zu dieser Freiheit muss ich an dieser Stelle doch noch etwas sagen. Sie beschränkt sich nämlich auf einen Quadratmeter Fläche, welchen ich mit Lea der Pilotin und mit Axel und Ueli, meinen beiden Mitreisenden, sowie einer Reihe grosser Gasflaschen teile. Ausserdem sind wir mit Sauerstoffschläuchen miteinander verkabelt, was die Bewegungsfreiheit zusätzlich einschränkt. Auf der anderen Seite erscheint alles da unten winzig und klein, weit und leer, wir sind die einzigen Menschen weit und breit. Das Universum gehört uns ganz allein. Wir treiben dorhin wo der Wind uns hinführt. Das ist Freiheit.

Karte mit FlugrouteFlugroute von Nesslau nach Santhià

Die Erde muss wie ein Ei aussehen und nicht wie ein Kugel. Im Vergleich mit dem Himalaya sind die Alpen nur eine kleine Austülpung der Erdkruste. Dieses Frühjar hat mein Bruder Christian Evelyne Binsack auf einem Trekking bis ins Basislager des Mount Everest begleitet. Dieses liegt auf 5267 Meter über Meer. Hier liegen die Berge weit unter uns, dort wären wir knapp über das Lager geschwebt und wohl im Khumbu Eisfall hängen geblieben. Mit ein bisschen mehr heizen hätten wir aber auch das geschafft. Ist das nicht die Idee zu meinem sechzigsten? Die Überquerung des Himalaya?

Ohne Physik geht gar nichts

Es gehört zum Standartprogramm in der Schule, das Basteln eines Heissluftballons. Man benötigt dazu Draht, Seidenpapier, einen Wattebausch und Brennspiritus. Viel Energie und Zeit haben wir jeweils in unsere Werke gesteckt und uns gefreut wenn sie flogen. Häufig haben wir sie durch unvorsicht aber abgefackelt. Das Material der heutigen grossen Ballone ist glücklicherweise sehr hitzebeständig. Das Prinzip ist aber daselbe: Warme Luft ist leichter als kalte und steigt deshalb. Unser Ballon hat ein Fassungsvermögen von ca. 5000 Kubikmeter. Die Luft in Nesslau auf 768 m.ü.M hat eine bestimmte Dichte und die Temperatur liegt um den Gefrierpunkt. Nehmen wir einmal an, der Ballon mit Korb, Gasflaschen und Passagieren wiegt 1000 kg. Um wieviele Grad muss ich mein Luftvolumen erwärmen um abzuheben? Damit ist es aber nicht getan. Je höher ich steige, desto dünner wird die Luft und desto kälter wird es. Ich muss also mehr heizen und brauche mehr Gas. Das Gewicht des Ballons mit Zuladung, Steighöhe, Temperatur und die Wingeschwindigkeit sind alles Faktoren die berücksichtigt werden müssen um eine Ballonfahrt zu planen. Sie bestimmen wie lange mein Gasvorrat reicht und wie weit ich damit komme. Von all diesem theoretischen Hintergrund kriegen wir nichts mit. Wir haben volles Vertrauen in die Berechnungen unserer Piloten. In regelmässigen Abständen betätigt Lea den Brenner, und so fahren wir in ziemlich konstanter Höhe von ca. 5600 Meter mit 85 kmh Richtung Süden.
Wir sind gut in warme Kleidung verpackt, gute Schuhe, vier Schichten Pullover und Jacken und vier Schichten Hosen. Dazu wärmt der Brenner von oben und die Sonne scheint. Da wir mit dem Wind fahren ist absolut kein Fahrtwind zu spüren. Die Sonne ist extrem stark in dieser Höhe. Axel hat es bisher unterlassen sein Gesicht vor der Sonne zu schützen und will dies nun nachholen. Er erlebt ein praktisches Beispiel von Physik. In dieser Höhe steht die Tube Sonnencreme unter Überdruck und so entleert sich diese explosionsartig über seine Hände.

Überdruck in der TubePraktisches Beispiel von Physik

Wir haben es dann irgendwie geschafft an Axel's Rucksack heranzukommen, wo er seine Papiertaschentücher verstaut hat. Hier also noch das Fazit aus dieser Geschichte für alle zukünftigen Ballonfahrer: Bitte für den Sonnenschutz bereits am Boden sorgen oder dann wenigstens die Papiertaschentücher griffbereit halten.

Über den Wolken

Wir haben die Alpen hinter uns. Vor uns öffnen sich die riesigen Ebenen von Norditalien. Die Landschaft ist vor allem geprägt durch die Landwirtschaft. Viel Reis wird hier angebaut. Die Felder sind zwar alle abgeerntet aber wir wissen, der Reisanbau ist eine nasse Sache. Wir müssen irgendwo einen trockenen Platz für die Landung finden. Das Irgendwo sollte aber noch weitere Voraussetzungen erfüllen. Es sollte so liegen, dass wir den Ballon direkt neben einem Weg oder Strasse absetzen können. Wir nähern uns dem Ende des für unseren Flug bewilligten Sektors, so dass wir rasch absteigen müssen. Die Sinkgeschwindigkeit beträgt sechs bis sieben Meter pro Sekunde. Wir sind ständig daran den Druck in unseren Ohren auszugleichen. Wir sinken so rasch dass auch die Ballonhülle zu flattern beginnt. Wer dies vom Boden aus beobachtet, für den muss dies wohl beängstigend aussehen. Kurz über Boden betätigt Lea den Brenner und fängt den Ballon sanft ab. Wir schweben knapp über die Dächer eines Hofes und halten Ausschau nach einem geeigneten Landeplatz, welchen wir in einem abgeernteten Maisfeld finden. Wir sind jedoch rund vierzig Meter vom Feldweg entfernt. Axel, Ueli und ich steigen aus. Lea hält den Ballon in Schwebe und unsere Aufgabe ist es, ihn zum Feldweg zu ziehen. Wir erleben die nächste Lektion Physik: 5000 Kubikmeter Luft sind extrem träge und lassen sich kaum bewegen. Es ist Schwerstarbeit. Zudem muss man sich vorstellen, dass wir noch die warmen Winterstiefel tragen und in vier Schichten Hosen und Jacken eingepackt sind. Da bin ich geradezu froh, dass eine Alpenüberquerung nur im Winter und nicht im Hochsommer möglich ist.

Glücklich gelandet

Kaum sind wir gelandet fährt auch schon ein Wagen der Carabinieri vor. Besorgte Bürger haben gemeldet, dass zwei Ballone abgestürzt sind. Mit Händen und Füssen und "tutto va bene", "tutto va bene" wird die Situation geklärt. Wir sind alle wohlauf. Nach einer Fahrt von rund 240 Kilometer sind unsere Ballons nur wenige hundert Meter voneinander entfernt gelandet. Gemütlich können wir alles fürs Verladen der Ausrüstung vorbereiten und noch ausgiebig die Nachmittagssonne geniessen. Der Begleittross wird noch rund zwei Stunden benötigen um hier einzutreffen.

Die Ballons und die Ausrüstung sind verstaut. Da wir nun alle zusammen sind beschliessen wir diese fantastische Reise mit dem traditionellen Glas Champagner. Diese Alpenüberquerung war toll und macht Appetit auf mehr ...., der Hunger kommt ja bekanntlich mit dem Essen.

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